Von einer Zeitung, die Liquid Democracy testete Wednesday, 13. March 2013

Ich hoffe, ich trete hiermit auf keine Füße. Danke an alle, die das Experiment gewagt haben!

Am Samstag, dem 19. Jänner 2013 erschien die Schwerpunktausgabe "direkte Demokratie" der Tageszeitung Der Standard. Das besondere daran: in den Wochen davor - seit dem 12. Dezember - sammelte die Redaktion die Themen für diesen Schwerpunkt via Liquid Democracy.

Wie die Schwerpunktausgabe aussieht, entscheiden die Leserinnen und Leser des STANDARD und die Userinnen und User von derStandard.at erstmals selber mit.

Sie haben eine Idee für einen Artikel zum Thema Demokratie und Mitbestimmung, den sie immer schon im STANDARD lesen wollten?

Jetzt haben Sie die Möglichkeit, der Redaktion Ihre Themenvorschläge direkt zukommen zu lassen und für die Vorschläge anderer zu voten. Dabei arbeitet der STANDARD mit adhocracy.de zusammen, einer Liquid Democracy-Plattform, auf der verteilte, offene Gruppen kooperativ Vorschläge erarbeiten und abstimmen können.

HIER KÖNNEN SIE IHRE VORSCHLÄGE EINBRINGEN: Auf derStandard.adhocracy.de oder per Email an mitreden@derstandard.at

In den Wochen danach wurden 122 Themen eingereicht (Disclosure: auch von mir), die dann zwischen 72 Positiv- (Thema: Vorratsdatenspeicherung) und 10 Negativpunkte (EU-Austrittsanalyse) sammelten. 31 davon erreichten mehr als 6 Positivpunkte, 3 mehr als 30. Per Email gingen erreichten zusätzlich etwa 150 Vorschläge die Redaktion. In der Ausgabe wurden schlussendlich etwa 35 Artikel unter diesem Sonderthema veröffentlicht: miteingerechnet sind hier die farblich als zum Schwerpunkt zugehörig markierten Artikel und die Artikel, die auf Seiten mit dem Titel "Schwerpunkt" publiziert wurden. Klingt wie ein erfolgreiches, spannendes Experiment. Trotzdem hatte ich seit dem Erscheinen der Ausgabe immer ein ungutes Gefühl.

Anita Zielina, die Initiatorin des Experiments, reflektiert unter dem Titel Dialog als journalistisches Grundprinzip das Entstehen der Ausgabe. Für mich sind besonders folgende Stellen relevant:

… "The people formerly known as the audience", nennt Internet-Guru Jay Rosen die neuen, mündigen, teilnehmenden Medienkonsumenten. Diese Sicht einer Zwei-Wege-Kommunikation liegt der Schwerpunktausgabe zugrunde.

… Der Grundgedanke ist, dass Organisationen, Interessengemeinschaften, Parteien oder Medien mit ihren Mitgliedern, Bürgern oder Lesern in einen offenen Dialog eintreten und sie in Entscheidungen miteinbeziehen.

Mein "komisches Gefühl" habe ich nach langem nachdenken auf 3 Gründe zurückgeführt:

Liquid Democracy

Dieser Kritikpunkt betrifft wiederum 2 Ebenen: die Berichterstattung über die Piratenpartei und die Nutzung des Konzepts in diesem Experiment.

In Artikeln zu Piratenparteien wird oft erwähnt, dass sie mit direktdemokratischen Prozessen arbeiten. So auch in dieser Ausgabe: "Jeder soll über alle Beschlüsse mitbestimmen können, möglich gemacht über Liquid Democracy". Das wichtigste Feature von Liquid Democracy - das, dass das Konzept vom 0815-Petitionstool unterscheidet - ist allerdings, dass es den Mitgliedern erlaubt, den Grad ihrer Beteiligung selbst zu bestimmen: zu Themen, die sie interessieren, können sie selbst abstimmen; in allen anderen Bereichen können sie pro Themenbereich ihre Stimme delegieren. Dies erlaubt eine Simulierung einer repräsentativen Demokratie für die, die sich nicht jeden Abend durch Parteiprogrammvorschläge wühlen wollen.

Die Verwendung als Möglichkeit zur Themensammlung war auch deswegen zwar effektiv, aber auch etwas fehlgeleitet. Es hilft natürlich nicht, dass "nur" 120 Vorschläge eingereicht wurden und weniger als 400 Benutzer erstellt wurden, von denen viele nur bei einem Thema abgestimmt haben. Wahrscheinlich wurde mit größerem Andrang gerechnet.

Fehlende Zwei-Wege-Kommunikation

Die Plattform, über die Themen gesammelt wurden, bietet die Möglichkeit, Vorschläge zu kommentieren. Anfangs hatte ich angenommen, dass Redakteure wahrscheinlich zumindest die populären Themen diskutieren würden. Schlussendlich wurde bei den Vorschlägen - wenn ein Artikel dazu erschienen ist - nicht einmal ein Link zum Artikel gesetzt.

Intransparente Prozesse

Das Experiment war groß angekündigt, aber es war nie klar, nach welchem Prozess Themen ausgewählt werden würden. Dies führte zu hohen Erwartungen bei den Teilnehmern.

Schlussendlich gab keine Moderation und kein Feedback von der Redaktion. Dass gerade das Thema mit der größten Punkteanzahl gar nicht in der Schwerpunktausgabe vorkam hinterließ einen besonders unguten Nachgeschmack.

Warum das Ganze?

Warum schreibe ich das hier?

Einerseits, um dieses Experiment zu loben: es war ein guter Schritt in die richtige Richtung.

Andererseits, weil wir für zukünftige Experimente lernen können:

Andererseits, weil wir vielleicht auch eine Lektion für die Piratenparteien ziehen können: Liquid Democracy funktioniert am Besten, wenn es rundherum klar definierte Prozeduren gibt. Bei den österreichischen Piraten ist es einfach: per Liquid Democracy kann das Parteiprogramm beschlossen werden. Die deutschen Piraten sehen das System eher als zusätzlichen Input, Programmanträge werden auf Parteitagen beschlossen.

Nun haben beide Systeme Nachteile. Die von Parteitagen sind offensichtlich: sie sind teuer, nicht einfach "nebenbei" zu machen, sie selektieren nicht nur anhand von verfügbarer Zeit sondern auch besonders anhand von Budget, sie erlauben keine Delegation von Stimmen in einzelnen Themenbereichen - nur die Stimmen von Anwesenden zählen.

Die Nachteile von Liquid Democracy sind subtiler: das System unterliegt immer dem "Diktat der free cycles" (nach Smari McCarthy und Ella Saitta in ihrem Vortrag am 29C3) - Leute mit viel Freizeit haben viel Einfluss; genauso wie Leute, die Anträge gut und überzeugend schriftlich formulieren können. Abstimmungen können nicht anonym erfolgen.

Unter dem Stichwort "Ständige Mitgliederversammlung" (SMV) diskutieren die deutsche Piratenpartei schon länger, das zu ändern. Meine Meinung dazu ist klar: dieses System ist das Alleinstellungsmerkmal der Piratenpartei und vielleicht, vielleicht auch eine spannende Richtung für größere demokratische Prozesse. Dass das Konzept von Medien und manchen Piraten so stiefmütterlich behandelt wird, leuchtet mir nicht ein.

Ich hoffe, dass dieser Rant dazu beiträgt, dass in Zukunft besser darüber berichtet wird.

PS: Ich habe versucht, die publizierten Artikel zu Vorschlägen im Adhocracy-System zuzuordnen. Mein (subjektives) Ergebnis: 13 der erschienenen 35 Artikel waren mindestens einem Vorschlag recht eindeutig zuzuordnen. Die Quelldaten - die Adhocracy Themen und die Titel der Artikel mit entsprechenden Seitenzahlen - sind in diesem Google Doc zu finden. (Ich hoffe auf Korrekturen.)

Edits: "manche" Piraten, ein hiermit im ersten Satz gestrichen, SMV, Zielina verlinkt & Grammatik verbessert, bessere Formulierung des LQD-Prinzips.