Fünf Trugschlüsse aus dem Geek-Sozialleben Tuesday, 15. May 2012

So, in an interesting change of pace, this will be in German. Sorry, Kids! It's just a translation of this piece, so you're not missing out!


Hier folgt eine recht freie Übersetung des Texts "Five Geek Social Fallacies" von Michael Suileabhain-Wilson.

Ich denke, dass dies ein interessanter Text ist, der mir bis jetzt im deutschen Diskurs über soziale Gruppen gefehlt hat.

Danke bekassine für die Hilfe bei der Übersetzung!


Fünf Trugschlüsse aus dem Geek-Sozialleben

In den "geekigen" Hobbies und Subkulturen leiden viele Gruppen unter sozialem Drama und verrückten zwischenmenschlichen Situationen. Viele dieser nie enden wollenden Krisen werden meiner Meinung nach von ein paar wenigen schädlichen und schwer auszutreibenden sozialen Trugschlüssen ausgelöst. Diese sind (oft idealisierte) Vorstellungen über das menschliche Zusammenleben, die viele Geeks dazu verleiten, sich selbst und anderen gegenüber dumme Dinge zu tun.

Soziale Trugschlüsse sind besonders heimtückisch, weil sie meist überspitzte Versionen von an und für sich komplett sinnvollen und unbedenklichen Auffassungen sind. Es ist schwierig, krankhafte Trugschlüsse aufzudecken ohne ihre gemäßigten und sinnvollen Grundgedanken zu untergraben. Sobald sie etabliert sind, sind sie deswegen sehr schwer zu beseitigen. Ich hoffe, dass das Aufzeigen dieser Trugschlüsse ein Schritt in die richtige Richtung ist.

Ich möchte anmerken, dass ich nicht behaupte, jeder Geek sei jedem dieser Trugschlüsse verfallen. Natürlich hat jeder von uns ganz unterschiedliche Vorstellungen vom sozialen Zusammenleben und setzt sie mit stark unterschiedlicher Begeisterung und Reflektion durch.

Ich möchte hier fünf soziale Trugschlüsse ansprechen. Wahrscheinlich gibt es mehr.

Trugschluss #1: Ausgrenzen ist böse

Dies ist wohl der verbreitetste und am stärksten ausgeprägte der Trugschlüsse. Viele Geeks habem am eigenen Leib erfahren, wie es ist, aus Gruppen ausgeschlossen zu werden. Diese schrecklichen, demütigenden und prägenden Erfahrungen machen es ihnen zuwider, die Rolle des Ausschließenden zu übernehmen.

In der nichtpathologischen Form ist der T1 gutartig und sogar wünschenswert — es wird ja langsam Zeit, erwachsen zu werden und mit den Beliebtheitswettbewerben aufzuhören. Im schlimmsten Fall verhindert T1 aber, dass ihre Träger in jeglicher Art von Ausgrenzung mitwirken oder diese auch nur tolerieren, egal ob es um Partyeinladungen, einen Hackerspace oder ein Internetforum geht und egal wie unangenehm, beleidigend oder rücksichtslos der Störenfried sein mag.

Infolgedessen hat fast jede Geek-Gruppe mindestens ein Mitglied, das mindestens 80% der anderen hassen und das die anderen 20% gerade noch dulden. Wenn T1 in ausreichender Konzentration vorhanden ist — und dies ist der Normalfall — wird es sogar unmöglich, Personen zu verweisen, die absichtlich und andauernd das soziale Zusammenleben stören. Der gute Umgangston mit T1 erlaubt zwar, jemanden den man nicht leiden kann nicht einzuladen. Wenn jedoch jemand plappert und der Nichteingeladene sich selbst einlädt gibt es keinen Ausweg. Der Veranstalter muss sich also entweder mit der Situation abfinden oder kann sich gleich als böser Ausgrenzer der Fußballmannschaft anschließen.

Dieses Phänomen hat mehrere unangenehme Auswirkungen. Einerseits steht es einer breiteren Akzeptanz von geekigen Aktivitäten im Weg; ich kann nicht mit Sicherheit sagen, dass RPGs und Comics populärer wären, wenn weniger Trolle die Neulinge schikanieren würden, aber es würde wohl auch nicht schaden. Andererseits werden soziale Aktivitäten unweigerlich im Geheimen geplant, wenn soziale Selektivität ein Tabuthema ist. Solche Verschwörungen verstärken das Problem nur noch und führen zu einem Umgang, der schon Hauptschülern peinlich wäre.

T2: Freunde akzeptieren mich wie ich bin

Die Ursprünge des T2 sind denen von T1 ähnlich. Als Opfer sozialer Ausgrenzung erleben viele Geeks ihr soziales Umfeld als einen wertungsfreien Zufluchtsort vor der gemeinen Außenwelt. Dies scheint verständlich und sinnvoll - es ist wichtig, eine Umgebung zu haben, in der man sich sicher und akzeptiert fühlt. Idealerweise wären alle sozialen Gruppierungen "safe spaces". Nehmen die Unsicherheiten der Leute, die sich auf diesen Zufluchtsort allzu sehr verlassen, überhand, mutiert ein lobenswertes Ideal zu seiner pathologischen Form, T2.

Anhänger von T2 sind der Ansicht, dass Freunde sie akzeptieren wie sie sind, und folglich jeder, der sie kritisiert, nicht ihr Freund ist. Deswegen können sie keine Kritik von Freunden annehmen. Jegliche Kritik wird als Verrat an der Freundschaft aufgefasst, egal wie unangemessen das angesprochene Verhalten sein mag.

Umgekehrt werden die meisten T2-Anhänger unter keinen Umständen einen Freund kritisieren. Ihre Pflicht zur bedingungslosen Unterstützung erstickt jeden Impuls, auf inakzeptables Verhalten hinzuweisen.

T2 hat innerhalb von Gruppen weitreichende Auswirkungen: Ist er in signifikanter Menge vorhanden, wird die Konfliktscheue der Gruppe erheblich erhöht. Gruppenmitglieder diskutieren stundenlang über den Umgang mit Konflikten, weil sie wissen oder vermuten, dass die involvierten Personen T2-Träger sind und jede direkte Konfrontation die Situation verschlimmern würde. Im Endeffekt gären Probleme viel länger als nötig vor sich hin und es wird absurd viel Zeit darauf ver(sch)wendet, durch dekonstruieren zwischenmenschlicher Dramen einen Weg aus dem Dilemma zu finden.

Ironischerweise können T2-Träger oft Kritik von Kollegen, Vorgesetzten und Mentoren annehmen, da diese nicht als Freunde gelten und von ihnen keine bedingungslose Akzeptanz erwartet wird.

T3: Freundschaft an erster Stelle

Freundschaften wertzuschätzen ist eine schöne und ehrenwerte Sache. Wird dies aber zur Spitze getrieben, kann sich T3 manifestieren.

Wie T2 ist T3 ein Trugschluss, der auf einen "Freundschaftsbeweis" hinausläuft: In diesem Fall geht der Träger davon aus, dass ein wahrer Freund die Belange der Freundschaft über alles stellt. Wird diese Erwartung nicht erfüllt sieht er dies als Kündigung der Freundschaft. Es sollte nun offensichtlich sein, dass es Millionen von Möglichkeiten gibt, wie diese Einstellung ein Problem für die Freunde des Trägers sein kann. Die häufigste Situation ist der Konflikt zwischen Interessen verschiedener Freunde. Ein Beispiel dafür ist, wenn ein Freund verlangt, ein Geheimnis nicht dem anderen Freund anzuvertrauen. Sind beide Freunde T3-Träger sitzt man in der Zwickmühle. Verrät man das Geheimnis, fühlt sich der erste Freund betrogen; verrät man es nicht, der Zweite. Der einzige Ausweg ist, den zweiten Freund nicht in das eigene Wissen einzuweihen, was schwierig ist, wenn das Geheimnis eine Party ist, auf der viele Leute waren.

T3 kann auch verlustreich für die Träger sein. Für Freundschaften opfern sie oft Arbeit, Familie und romantische Verpflichtungen. Dies ist ein Grund warum so vielen geekigen Kreise Leute angehören, deren einziges positives Merkmal ihre Loyalität ist: Es ist schwierig, jemanden nicht anzuerkennen, der sich so sehr um seine Freunde bemüht – egal, wie destruktiv dessen andere Charaktereigenschaften sind.

T3-Träger haben oft Ausnahmen zu dieser Regel, die es Freunden erlaubt, gewisse Menschen oder Dinge über ihre Freundschaft zu stellen. Häufige Ausnahmen sind zum Beispiel Partner und Arbeit.

T4: Freundschaft ist Transitiv

Jeder T4-Infizierte hat schon einmal gedacht, "Wäre es nicht schön, alle meine Freundeskreise an einen Ort zu bringen und eine große Party zu schmeißen?" Hast du beim Lesen dieser Aussage geächzt, bist du vielleicht ein genesender T4-Träger.

T4 ist der Glaube, dass alle deine Freunde auch untereinander Freunde sein sollten - und, dass etwas falsch läuft, wenn dies nicht der Fall ist.

Die mildere Variante von T4 verhindert, Anzeichen wahrzunehmen, die gegen diese These sprechen; Träger werden sich weigern zu begreifen, dass Freunde oder Freundesgruppen nicht viel voneinander halten und weiterhin versuchen, sie zusammenzubringen. Manche mögen sogar behaupten, dass eine ausgewachsene Vendetta nur ein Missverständnis ist, das man leicht ausräumen könnte, wenn sich die Beteiligten nur ausreden würden.

Eine ernstere Form von T4 fällt wiederum in die "Freundschaftsbeweis"-Kategorie: Hat man Freund A und Freund B, die aber untereinander keine Freunde sind, kann einer der beiden nicht wirklich ein Freund sein. Es ist überraschend, wie oft T4-Träger, die mit dieser Situation konfrontiert sind, eine der Freundschaften aufgeben.

Andererseits agiert ein T4-Träger, der einen Freund eines Freundes nicht leiden kann, oft passiv-aggressiv und heimtückisch gegenüber dem Freundesfreund und hält gleichzeitig energisch das Bild von "wir sind alle Freunde / eine große Familie" hoch.

T4 kann seine Träger auch dazu verleiten, von Leuten die sie kaum kennen, unangebrachte Gefallen einzufordern -- di Mitbewohners eines Freundes zu fragen, ob man auf ihrer Couch übernachten kann; eine Unibekanntschaft von vor acht Jahren um ein Referenzschreiben bitten und so weiter. Alles was für Freunde angebracht ist, scheint auch für Freundesfreunde angebracht zu sein.

Darauf aufbauend könnte behauptet werden, dass Friendster von einem T4-Infizierten entwickelt wurde.

T5: Freunde machen alles miteinander

Einfach gesagt ist T5 die Meinung, dass jeder Freund in einem Freundeskreis in jede Aktivität so weit wie möglich einbezogen werden sollte. Der subtile Unterschied zu T1: T1 verlangt, dass niemand - egal ob Freund oder nicht - ausgeschlossen wird; T5 verlangt, dass jeder Freund eingeladen wird. Ein T5-Träger wird eine Nicht-Einladung also als Anfeindung verstehen und entsprechend darauf reagieren.

Dies mag der am wenigsten destruktive Punkt auf der Liste sein, da er schlimmstenfalls unangenehm ist. In größeren Kreisen kann T5 jedoch einige soziale Aktivitäten sehr schwierig machen: Parties mit zu vielen Gästen für die Räumlichkeiten und Restaurantbesuche mit 20 Leuten ohne Reservierung sind bei weitem nicht ungewöhnlich.

Sind alle Gruppenangehörigen T5-Träger, ist dies meist kein Problem. Sollten aber manche nicht dem T5 verfallen sein, kann es vorkommen, dass diese Personen manchmal kleinere Partien bevorzugen. Jedoch kann es sich als schwierig erweisen, solche kleineren Treffen zu organisieren, ohne Leute zu kränken und Drama hervorzurufen. Einem T5-Infizierten zu erklären, dass eine Freundschaft nicht in Gefahr ist, nur weil man einmal nur zu fünft Essen gehen wollte, gestaltet sich tendentiell als schwierig.

Aus irgendeinem Grund sind viele T5-Träger bereit, für geschlechtergetrennte Aktivitäten Ausnahmen zu machen. Warum ist mir nicht ganz klar.

Wechselwirkungen

Jeder dieser Trugschlüsse hat selbst unerfreulichen Auswirkungen, diese werden aber oft in Kombination noch verstärkt. T4 entwickelt seine schwerwiegendste Form oft, wenn er mit T5 kombiniert auftritt: Wenn jeder alles gemeinsam macht, ist es viel schwieriger, zwei Freunde zu haben, die sich nicht ausstehen können. Üblicherweise wird einer dann fallen gelassen.

T1 und T5 können sich auch gegenseitig verstärken: Lädt man jemanden nicht ein, ist dies dann äquivalent mit einer Ausgrenzung - man kommt nicht mal daran vorbei Mr. Unausstehlich auf einen Roadtrip mitzunehmen.

T3 kann sich in Kombination mit den anderen "Freundschaftsbeweis"-Punkten desaströs auswirken. Infizierte könnten darauf bestehen, von all ihren Freunden unterstützt zu werden, wenn sie jemanden, der ihnen den "Freundschaftsbeweis" nicht erbracht hat, verächtlich behandeln. Dies führt natürlich fallweise dazu, dass eine Kettenreaktion entsteht und die betroffene Person schlussendlich alle ihre Freunde ausmustert. Dies ist nicht gesund, aber zum Glück sind schwere Fälle von T3 rar.

Konsequenzen

Mit den Effekten dieser Trugschlüsse umzugehen ist ein wesentlicher Bestandteil der Navigation des geekigen Soziallebens. Dies ist viel einfacher, wenn man sich ihrer Existenz bewusst ist und zuordnen kann, welche Freunde welchen Trugschlüssen aufsitzen. Sollte dieses Bewusstsein nicht vorhanden sein, treten drei Situationen immer wieder auf, wenn Menschen mit Trugschlüssen in Kontakt kommen, denen sie selbt nicht anhängen.

Die häufigste Situation ist ein einfacher Konflikt und Kränkungen. Es ist schwer über Konflikte zu reden, weil sie üblicherweise in sehr grundlegenden Wertekonflikten verwurzelt sind. Ein T3-Träger kann nicht unbedingt artikulieren, wieso es ihn so sehr gekränkt hat, dass ein Freund den Filmabend kurzfristig abgeblasen hat.

Alternativ werden Menschen manchmal von den sie umgebenden Trugschlüssen infiziert: Wer sich in einer Gruppe von T5-Trägern bewegt, wird es als normal ansehen, alles zusammen zu machen; verbringt man viel Zeit mit T1-Trägern, gewöhnt man sich einfach daran, Trolle zu akzeptieren.

Weniger häufig kommt es vor, dass Leute eine Art Gegentrugschluss adoptieren: "Deine Gefühle, dein Problem". DGDP-Träger ignorieren die Trugschlüsse anderer einfach und etablieren den Ruf, charmant taktlos zu sein. Für sie wird oft eine Ausnahme gemacht: "Ja, das ist nur Paul". DGDP hat seine eigene Probleme, aber wenn du lieber das Arschloch spielst als in Angst zu leben, kann er ein valider Ausweg sein. Dies durchzuziehen ist in T1-reichen Umgebungen erstaunlich einfach.

Was kann ich machen?

Wie gesagt denke ich, dass es am besten ist, sich der Existenz von sozialen Trugschlüssen bewusst zu sein – sowohl in dir selbst als auch bei anderen. Du selbst kannst versuchen, mit ihnen klarzukommen oder sie zu ändern. Die typischen Verhaltensmuster zu kennen macht sie auch weniger anstrengend.

Diesen Trugschlüssen anzuhängen macht die Träger auch nicht zu schlechten Menschen — im Gegenteil, diese Fehlannahmen sind doch in noblen Idealen verankert. Ich denke aber, dass man sie dekonstruieren sollte. Langfristig erzeugen sie viel Stress und Drama und haben - wenn überhaupt - sehr geringen Nutzen.

Hey, Redest du über mich?

Wenn ich dich kenne, wahrscheinlich ja. Das heißt nicht, dass ich dich nicht gern habe; die meisten Geeks hängen ein paar Trugschlüssen an. Ich selbst kämpfe mit T1 und T2 und war einmal leidenschaftlicher T4-Advokat, bis meine Überzeugung diesbezüglich von einigen desaströsen Parties zerstört wurde.

Keines der Beispiele spielt auf eine spezifische Situation an, falls das deine Sorge war. Jede Ähnlichkeit zu lebenden oder toten Geeks ist rein zufällig.